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Keine Angst vorm Schreiben

Schreiben lohnt sich. Beim Schreiben hält man inne, konzentriert sich auf seine eigenen Gedanken, hält Wichtiges fest. Schreiben kann auch helfen, den Kopf frei zu bekommen und Erlebtes zu verarbeiten. In TZI-Kursen wird eher selten geschrieben. Die Autorin zeigt in ihrem Artikel Möglichkeiten, das Schreiben sinnvoll einzusetzen.

 

Reizwörter sind fies. Sie umgehen den Verstand und nehmen den direkten Weg zu den Gefühlen. Und dann passiert es. Das Herz schlägt schneller, Angst, Ärger oder Wut kochen hoch, der Körper macht sich bereit für Angriff oder Flucht, Ohnmachtsgefühle lassen für den Moment verstummen. Gut ist es, dann wenigstens nachträglich den Verstand einzuschalten, die Reaktion zu bewerten und zu entscheiden, wie man reagiert. Noch besser ist es, die Reizwörter zu entschärfen. Z. B. in­dem man eine Geschichte schreibt, in der das Reizwort vorkommt.

 

Schreiben? Oh je. Auch das ist für viele ein Reizwort. Mit dem Schreiben sind für erstaunlich viele Menschen unangenehme Erinnerungen verbunden. Die Plage, in der Schule strenge Formen wie Inhaltsangaben, Interpretationen oder Erörterungen schreiben zu müssen. Die Mühsal einer wissenschaftlichen Arbeit, die sich einer Wissenschaftssprache bedient und strengen formalen Regeln folgt. Wer solche Erfahrungen eher als Qual erlebt hat, scheut sich vor dem Schreiben. So wundert es mich nicht, dass ich in TZI-Kursen eher selten erlebt habe, dass wir geschrieben ha­ben. Meistens nur für uns und nicht, um es anderen vorzulesen.

 

Ich, die gern schreibt, fand das immer schade. Ich fand es verblüffend, dass das kostbare Erbe der TZI-Gründerin Ruth Cohn in Sachen Sprache eher stiefmütterlich behandelt wird. Sie war eine Meisterin der Sprache und wird heute noch vielfach mit ihren »goldenen Sätzen« zitiert. Mich hat die Sprache zur TZI geführt. In meinem ersten TZI-Kurs lag ein Gedichtband von Ruth Cohn. »Zu wissen, dass wir zählen«. Dieses oft zitierte Gedicht hat mich ins Herz getroffen. Ebenso die Themenformu­lierungen. Sie haben mich wirklich eingeladen und waren so anders als das übliche Seminardeutsch.

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Schreiben lohnt sich.

Meiner Meinung nach lohnt es sich, die Scheu fallen zu lassen. Textformen und Schreibtechniken aus dem kreativen Schreiben entziehen sich einer formalen Bewertung. Vielmehr sind sie ein – wie ich finde – lustvoller und erkenntnisreicher Weg, Themen zu bearbeiten und ergänzen die Arbeit auf sinnvolle Weise:

 

Schreiben hilft Introvertierten, die sich scheuen etwas zu sagen und oft nicht genau wissen, ob und was sie sagen möchten, sich zunächst zu sammeln. Schreiben hilft, das innere Sprechen, den eigenen Gedankenfluss zu erforschen und fördert dabei mitunter überraschende Worte und Texte zutage. Schreiben ist eine Methode, Erlebtes und Gelerntes zu reflektieren – für Momente zurückgezogen von den anderen. Schreibend kann man die Perspektive wechseln, Distanz zu den eigenen Themen gewinnen und Erlebtes, Ersehntes und auch Belastendes neu bewerten. Schrei­ben hilft, für Themen eine Sprache zu finden, die in anderen etwas zum Klingen bringt und mo­tiviert. Nicht zuletzt: Schreiben macht Spaß – wenn man die Scheu überwindet. Werden kreati­ve Texte vorgelesen, dann zeigen sie auf oft berührende Weise, wie unterschiedlich und wie schöpferisch die Menschen sind.

 

Ich lehre seit fast zwanzig Jahren in Schreibseminaren überwie­gend journalistisches Schreiben. Im Laufe der Jahre habe ich mich viel mit Schreibforschung und Methoden des kreativen und biografi­schen Schreibens beschäftigt. Meine Erfahrung ist: Sie beleben und vereinfachen sogar das Schrei­ben sperriger Formate wie Pressemitteilungen und können auch im wissenschaftlichen Schreiben viel Gutes bewirken. So gehört das Schreiben auch in der TZI ganz selbstverständlich zu meinem Methodenrepertoire. Ich habe es erst in der Peergruppe ausprobiert und später in zwei Kursen zum Thema »Die Macht der Sprache«, in denen ich als Co-Leiterin mit dem sehr experimentier­bereiten Werner Sperber zusammengearbeitet habe. Im Folgenden stelle ich einige Methoden vor, die ich in TZI-Kursen erlebt und ausprobiert habe.

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Notieren

Notieren, um das Gedächtnis zu entlasten: Vom Ich zum Wir – auf diesem Weg bearbeiten Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer ein Thema anfangs oft allein und zwar schriftlich. Das Ergeb­nis sind Notizen. Sie helfen, Erinnertes, Gedachtes zu sichern, um sie anschließend anderen mit­zuteilen oder zu weiteren Texten zu verarbeiten. Wer etwas notiert, hält für einen Moment inne, er verlangsamt seinen Gedankenfluss und nimmt sich die Zeit, einen Gedanken festzuhalten oder zu vertiefen. Oft sind Notizen nur Stichworte oder Halbsätze ohne Verb, die erst dann einen Sinn ergeben, wenn sie mit Erinnerungen ergänzt werden. Daraus werden in der Regel mündlich er­zählte Geschichten (vgl. Ortheil, 2012, 69-83).

 

Auch für ein Feedback eignen sich Notizen. Sie entlasten das Gehirn. Statt damit beschäftigt zu sein, sich zu merken, was man sagen wollte, setzen Notizen kurze Erinnerungsmarken. Wer draufguckt, weiß, was er sagen wollte.

 

Notieren, um Ideen zu sammeln: Neudeutsch auch Brainstorming genannt. Bei diesem Ver­fahren ist jeder Gedanke erlaubt, eine Bewertung findet erst statt, wenn der Gedankenstrom ab­geebbt ist. Im Kurs »Die Macht der Sprache« haben wir so begonnen, uns mit Reizwörtern zu beschäftigen. Jeder hat spontan etwa 20 Reizwörter aufgeschrieben und erst im Nachhinein ent­schieden, welche drei er sich genauer angucken möchte. Assoziieren ohne Kontrolle und Zensur schlägt auch Eike Rubner für das Formulieren von Themen vor: Im ersten Schritt entwickelt man einen einfachen Themensatz mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Im zweiten Schritt assoziiert man frei zum Satz – das ist besonders effektiv, wenn man zu zweit oder in einer Gruppe arbeitet. Im dritten Schritt nutzt man die besten Einfälle, um ein anregendes Thema zu formulieren (vgl. Rubner, 2009, 86/87). Als Teilnehmerin des gleichnamiges Kurse habe ich den Effekt erlebt: Erst wenn man entspannt mit Zitaten, Sprichwörtern etc. spielt und die sehr flüchtigen Gedanken festhält, kom­men reizvolle Formulierungen dabei heraus.

 

Notieren, um zu reflektieren: In Kursen gibt es immer Personen, die Notizen machen, um später den Kursverlauf zu rekonstruieren und Wichtiges zu sichern. Eher selten habe ich erlebt, dass die Reflexion im Kurs selbst passiert, beispielsweise in Form eines Lerntagebuchs, in dem die wich­tigsten Erkenntnisse ausformuliert sind. So verpackt kann das Gehirn sie leichter abspeichern – und damit vor dem Vergessen bewahren. Wenn anschließend noch ein Austausch über das Ge­schriebene stattfindet, erhöht das den Effekt.

In unserer Peergruppe haben wir den gemeinsamen Prozess am Ende zunächst schreibend re­flektiert. Der Reihe nach hingen alle Themen aus den gemeinsamen zwei Jahren an der Wand. Un­ter dem Thema: »Meine Peergruppe – eine Erinnerungsreise« hatten alle pro Treffen fünf Minuten Zeit, ihre Erinnerungen und Gedanken zu notieren – je nach Belieben in Form von Stichworten oder in ganzen Sätzen. Anschließend sollte jeder seine Notizen durchlesen und unterstreichen, was ihm wichtig ist. Mit diesem Fundus konnten wir unsere gemeinsame Reflexion beginnen.

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Kurze Gedichte schreiben

Kleine Gedichte zwingen, jedes Wort abzuwägen und nach den richtigen Wörtern zu suchen. So helfen sie dabei, etwas genau zu beschreiben. Ein Eindruck, ein Gedanke oder ein Fazit des Tages – das alles lässt sich in Gedichtform festhalten. Gut geeignet sind einfache Formen wie etwa Elfchen – ein Gedicht mit elf Wörtern, die über fünf Zeilen verteilt sind, oder Haikus, die aus 17 Silben auf drei Zeilen bestehen oder auch Anaphern, bei denen jede Zeile mit dem gleichen Wort beginnt. Die vorgegebene, meist knappe Form verstärkt die Aussage und fördert die Konzentration auf den Gegenstand (vgl. Zopfi/Zopfi, 2001, 67). Auch ein Reizwort kann man mit einem kurzen Gedicht be­leuchten, sodass es in einem neuen Licht erscheint – und an Reizwirkung einbüßt.

 

Im Kurs »Die Macht der Sprache« war – nach einer Bearbeitungsphase – ein Elfchen das erste Fazit zum Reizwort. Als Beispiel mag mein Gedicht dienen, das ich zum Reizwort »Wir sollten« geschrieben habe. Es hatte mich zuvor entweder sofort wütend gemacht, weil ich es regelmäßig als Aufforderung an mich allein verstanden habe, oder schlimmer noch: Es hat mich tatsächlich gleich loslaufen lassen.

Wir sollten bitte

nicht schon wieder

für zwei reden

sonst kracht’s

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Drauflosschreiben, neudeutsch: Freewriting

Die Geschichte dieser Technik beginnt mit der Psychoanalyse. Freud nutzte die freie Assoziati­on, um Unbewusstes zutage zu fördern. In den 1920er Jahren experimentierte

André Breton mit dem automatischen Schreiben: Zehn Minuten schreiben, ohne zu unterbrechen. Er und andere Surrealisten wollten Unbewusstes zu Papier bringen. Hanns Ortheil beschreibt, wie die Schriftstellerin Elke Erb zwischen 2003 und 2005 täglich fünf Minuten schrieb. Sie hatte kein Thema, nahm keinen Bezug auf Ereignisse, sondern folgte dem Strom der freien Assoziation. Er nennt die Texte »Protokolle eines inneren Sprechens«: »Für zumindest fünf Minuten ging das Sprechen in sich, um auszuloten, was da gerade alles in den Tiefenschichten des Bewusstseins geschah« (Ortheil, 2012, 144). Elke Erb hat ihre Notate zu einem Buch verarbeitet.Wesentlich pragmatischer gehen Schreibforscher in den USA mit der Technik um. Dort, wo krea­tives Schreiben in Schulen und an Universitäten gelehrt wird, ist der Nutzen des sogenannten Free­writing vielfach erforscht. Der Schreibdidaktiker Peter Elbow nennt Freewriting den einfachsten Weg, Wörter zu Papier zu bringen. Es könne mal ein guter Text dabei herauskommen, mal auch nur Müll (vgl. Elbow, 1998, 15; Elbow, 2010). Denn die einzige Regel heißt: Zehn Minuten zu schreiben, ohne zu stoppen – auch wenn es immer der gleiche Satz ist. Der Vorteil ist, dass der oder die Schreibende sich nicht mit Zweifeln am eigenen Text aufhalten kann. Er oder sie muss ja schreiben und hat keine Zeit, über das Schreiben nachzudenken. So löst sich der Widerstand gegen das Schreiben oft in Luft auf. Mit dieser Erfahrung im Gepäck wagen sie sich in späteren Phasen entspannter an anspruchs­voller erscheinende Schreibaufgaben und erlauben sich, auch da die Gedanken fließen zu lassen.

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Freewriting kann auch helfen, den Kopf frei zu bekommen. Wenn Gefühle und Gedanken durch den Kopf geistern, dann finden sie auf dem Papier einen Ort. Man kann sie für den Moment leich­ter loslassen und sich auf die anstehende Aufgabe konzentrieren. So eignet sich die Methode auch mal zum Sammeln am Morgen.

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Eine Variante des Freewriting ist das Drauflosschreiben zu einem Thema oder zu einem ersten Satz. Das kann ein sehr persönliches Thema sein. Ich erinnere mich, dass wir in einem Krisenkurs unsere Krise zunächst aufschreiben sollten. Wie? Die eigene Krise? Eben. Ich fand das gut. Es fällt leichter, erstmal alle Gedanken für sich aufzuschreiben, unzensiert, um anschließend in kleiner Gruppe davon zu erzählen – mehr oder minder zensiert. Als ersten Satz setze ich öfter Sätze ein wie: »Gestern ist mir klargeworden, dass«. Dann sprechen alle gleichzeitig aufs Papier. Nach der eigenen Reflexion folgt das Gespräch ihm Plenum.

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Es versteht sich von selbst, dass die schnell geschriebenen Texte privat sind. Jede Person ent­scheidet für sich, ob sie einen Text gar nicht oder nur Ausschnitte aus dem Text vorliest, sinn­gemäß den Inhalt erzählt oder den ganzen Text vorliest. Meine Erfahrung ist, dass Schreibende bisweilen selbst so überrascht und erfreut über ihren Text sind, dass sie ihn gern vorlesen. Die meisten lassen sich gern darauf ein, einen Satz daraus vorzulesen und damit durchblitzen zu las­sen, was sie gerade beschäftigt.

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Geschichten schreiben

Schreibdidaktiker wie Elbow wollen das Schreiben erleichtern und Wege zu einer kraftvollen Spra­che ebnen. So wird das Denken klarer und die Schreibenden finden ihren eigenen Ton. Der ame­rikanische Psychologe James Pennebaker wollte Mitte der 1980er Jahre wissen, ob Schreiben auch eine heilende Wirkung hat. Er ließ 50 gesunde Studierende an vier Tagen hintereinander jeweils fünfzehn Minuten schreiben. Die eine Hälfte schrieb über ein traumatisches oder zumindest sehr belastendes Ereignis, die Kontrollgruppe über belanglose Alltagserlebnisse. Das Ergebnis: Die­jenigen, die Belastendes geschrieben hatten, erkrankten in den Monaten danach seltener an einem Infekt (vgl. Pennebaker, 2010, 18).

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Dass Schreiben den Körper und die Seele heilt, ist seither in Dutzenden von Studien belegt. Aber warum? Pennebakers erste Antwort: Offenbar wird ein Gefühl leichter verstanden und verarbeitet, wenn es in Sprache übersetzt wird. Wer schreibt, gibt ihm eine Bedeutung, zerlegt Erlebtes und strukturiert es neu und vergisst es danach leichter. Das hat schon Freud mit seiner Redekur bezweckt.

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Inzwischen bestätigt auch die Neurophysiologie: Das bloße Aussprechen von Gefühlen hilft. Es senkt Stress. Wenn etwa ein Reizwort den Weg vom Ohr direkt in die Amygdala nimmt und den Hörenden vielleicht vor Wut kochen lässt, dann hilft es auszusprechen, was man hört und was man fühlt. Dadurch schaltet sich das Stirnhirn ein, der präfrontale Kortex, das den Aufruhr der Amygdala dämpft. Der Stress lässt nach.

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Um belastende Erlebnisse allerdings dauerhaft zu entschärfen, reicht es nicht, sie zu benen­nen. Das hat auch James W. Pennebaker erlebt und weitere Antworten gesucht. Er entdeckte, dass expressives Schreiben vor allem dann hilft, wenn das Erlebte in einer Geschichte erzählt wird und die Schreibenden dabei neue Einsichten gewinnen, Zusam­menhänge erkennen und die Perspektive wechseln. Penneba­ker rät daher, sich Gefühle möglichst offen einzugestehen, die Ereignisse auch mit den Augen anderer Personen zu betrach­ten und aus dem Erlebten eine zusammenhängende, schlüs­sige Geschichte zu stricken (vgl. Pennebaker, 2010, 29). »Eine Geschichte zu erzählen, zwingt uns dazu, den Ereignissen eine Struktur zu geben«, sagt er im Interview mit der Wissenschaftsjourna­listin Claudia Wüstenhagen (Schramm/Wüstenhagen, 2015, 258) »Wenn Sie keine Geschichte ha­ben, dann haben Sie nur ein Bündel Fakten, Erlebnisse oder Bilder. Und die ergeben keinen Sinn.« Erst wenn die Fragmente zu einem Paket verschnürt werden, können sie im Gedächtnis leichter abgespeichert werden und leichter vergessen werden.

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Pennebaker schlägt also eine Art des therapeutischen Schreibens vor und nennt es expressi­ves Schreiben. So weit muss und kann man in der TZI-Praxis nicht gehen: Man kann aber Formen des kreativen Schreibens nutzen, um Erlebnisse in neuem Licht zu betrachten. Warum immer in der Ich-Form schreiben? Ganz anders fühlt sich ein Erlebnis an, wenn man sich beim Schreiben mit Du anredet oder ein eher unpersönliches Er oder Sie wählt. Man kann ein Märchen schreiben, eine Predigt, eine Liste von Ratschlägen oder eine Gebrauchsanweisung. Es gibt viele Textformen, die die meisten sofort abrufen können. Hauptsache, der Text wird irgendwie rund und die Sache macht Spaß. Quälen sollte man sich nicht.

 

Das Reizwort haben wir schließlich in einer Geschichte gebändigt. Diese Form ist einfach: Sie hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Fast automatisch schreibt man auf einen Höhepunkt hin. Es war ein Wagnis, das belohnt wurde. Auch hier wieder mein eigenes Beispiel zum Reizwort »Wir sollten«. Ich habe die Geschichte, die im Kurs entstanden ist, leicht überarbeitet.

 

Franziska trommelte mit den Fingern auf den Besprechungstisch. »Wir sollten«, sagte sie, »wir sollten das Projekt zielorientierter angehen.« Sie grinste innerlich. Sie wusste, dass sie Sabine da­mit zur Weißglut bringen würde. Und prompt sprang ihre Kollegin an. »Was heißt hier, wir soll­ten? Du bist es doch, die ihre Unterlagen immer zwei Tage zu spät abliefert. Und dann redest du auch noch von zielorientiert.« »Ich weiß gar nicht, warum du jetzt laut wirst«, sagte Franziska und lehnte sich demonstrativ zurück. »Wir haben am Montag unseren Abgabetermin und uns fehlt noch der gesamte Maßnahmenkatalog.«Franziska lauerte darauf, dass der Maßnahmenkatalog ihre Kollegin weiter anheizen würde. Sabine hasste Projektdeutsch. Sie wird zetern, dachte Franziska, und am Ende wird sie wutent­brannt aus dem Meetingraum rennen. Franziska malte sich aus, wie die Chefin dann sagen wür­de, dass es so nicht gehe und Sabine die ganze Arbeit aufbrummen würde. Sie, Franziska, könn­te sich dann am Freitagnachmittag schnippisch mit den Worten ›Man muss eben zielgerichteter arbeiten‹ zum Bigram-Yoga verabschieden.

»Okay«, hörte sie Sabine sagen. »Du hast Recht, lass uns das Ziel im Auge behalten«. Franziska stutzte, als Sabine fortfuhr: »Ich habe meinen Part am Freitag fertig und bereite das Dokument vor. Du kannst deinen Teil dann einfügen. So haben wir es im Projektplan festgelegt.« Franziska hielt für einen Moment die Luft an. Hektisch kramte sie in ihrem inneren Giftschrank. Kein Gift­pfeil mehr im Köcher. Ade Bigram.Seither lächele ich, wenn jemand sagt: »Wir sollten«.

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Ein Wort zum Schluss

Ich selbst habe in vielen TZI-Kursen gelitten, wenn wieder die Wachsmalstifte und große weiße Blätter auf den Boden gelegt wurden. Mit dem Malen habe ich in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht. Es hat mir Angst gemacht, bisweilen sogar Tränen auslöst. Inzwischen habe ich meine Scheu verloren und kümmere mich nicht mehr darum, wie gut oder schlecht ich male. Und siehe da: Ich entdecke Dinge, die ich nicht hätte in Worte fassen können. Mitunter macht mir das sogar Spaß. Ich wünsche allen, die durch Schule und Studium schreibgeschädigt sind, dass sie sich darauf einlassen können. Sie entdecken womöglich ein Talent an sich, von dem sie gar nichts ahnten. In unserem Kurs »Die Macht der Sprache« haben wir berührende, originelle, mutige und versponnene Geschichten gehört. Und am Ende haben viele gesagt, dass gerade das Schreiben für sie eine besondere Entdeckung war.

 

Literatur

Elbow, P. (1998). Writing with Power Techniques for Mastering the Writing Process (2nd ed.). New York: Oxford University Press.

Elbow, P. (2010). 7. Freewriting: An Obvious and Easy Way to Speak onto the Page. Zugriff am 20.02.2017 unter http://works.bepress.com/peter_elbow/31/

Ortheil, H.-J. (2012). Schreiben dicht am Leben: Notieren und Skizzieren. Mannheim: Duden.

Pennebaker, J. W. (2010). Heilung durch Schreiben. Bern: Huber.

Rubner, E. (2009). Themen formulieren und einführen. Themenzentrierte Interaktion, 23 (2), 80–89.

Schramm, S., Wüstenhagen, C. (2015). Das Alphabet des Denkens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Zopfi, C., Zopfi, E. (2001). Leichter im Text. Ein Schreibtraining. Bern: Zytglogge.

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